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Jetzt ist der Kuhstall eine Garage; weiße Mauern, sauberer Boden; hell und licht ist es da drinnen, aber gleich bemerke ich, daß keine Schwalben ein- und ausfliegen; sie suchen umsonst nach Nahrung in diesem sauberen Stall.
Mein Bruder zeigt mir stolz die Änderungen auf seinem Hof in Wörtherberg. Wir stehen auf einem Platz, wo seit mehr als hundert Jahren Kühe und Stiere ihre Heimstatt hatten. Mein Großvater Franz Reichart erzählt in seinen Aufschreibungen von der Vergrößerung des Kuhstalles im Jahre 1922 und wie er damals eine Kuh namens Scheckl um 580 Schilling verkaufte. In meinen Gedanken stehe ich zwischen den Kühen und möchte sagen „Otto, bitte laß mich hier alleine für eine Weile; ich muss Abschied nehmen von diesem Stall, ein Teil der Geschichte unseres Elternhauses“. Jedes Jahr, wenn ich auf Besuch kam, verbrachte ich eine zeitlang mit den Kühen im Stall. Die Schwalben flogen durch die offenen Fenster und Türen des Kuhstalles und die Fliegen summten und die Tiere schlugen mit den Schweifen um sich, um die Fliegen zu vertreiben. Ab und zu rasselten die Ketten und immer wieder schwebten die Schwalben zu den Nestern.
Damals war vieles anders; damals waren die Kühe unsere Arbeitsgefährten und ein Teil unseres Schaffens auf Wiesen und Äckern und verbrachten so einen großen
Teil ihres Daseins im Freien. Nicht nur als Gespann für unsere Erntewägen. In jenen 50er und 60er Jahren gab es noch den Brauch „Kia holdn“ („Kühe halten“). Meistens am Sonntag Nachmittag schickte man die Kinder mit den Tieren auf die Wiesen weit vom Hof. Die Kühe grasten stundenlang, die Kinder spielten. Wenig Gelegenheit zum Spiel für mich. Ich nahm das „Kia holdn“ sehr wörtlich; immer ängstlich, daß die Kühe in meiner Obhut entkommen würden und ich habe sie dann tatsächlich stundenlang „gehalten“. Unter meiner Aufsicht war für sie auch an solchen Nachmittagen wenig Freiheit. Und manchmal machte eine Kuh, die ein Kalb im Stall hatte, sich selbständig auf den Weg nach Hause.
Ich hatte eine Lieblingskuh; sie hieß Muxl. Eine weiße, geduldige Kuh. Sie nahm den ersten Platz im Stall ein und sie war meine Vertraute. Viele meiner Anliegen erzählte ich ihr und ich liebte es, mich an ihren warmen Körper schmiegen zu können. Ihre großen sanften Augen sehe ich noch 50 Jahre später mit Wehmut. Scheckl stand neben Muxl; braun gefleckt und viel mehr temperamentvoll und Bauxl war eine grantige Kuh, der ich nie so richtig traute.
Im Winter benützten wir den Kuhstall auch, um uns gründlich zu waschen. Es war warm und Platz genug für eine Dusche, allerdings mit dem Nachteil, daß man immer noch nach Kuhstall roch. Aber unsere Gesellschaft kam alle von Bauernhöfen und der Geruch eines Kuhstalles unterschied sich kaum von einem anderen.
Mit der Ankunft des Traktors verloren die Tiere ihre Teilnahme an unserem Arbeitstag, ihren Platz in unserem gemeinsamen Schaffen und meiner Ansicht nach auch einen Teil ihrer Würde. Bis dahin war es eine Kunst, die Kühe für ein Fuhrwerk herzurichten. Zuerst kam da „Jechl“ über den Kragen der Kuh; dann das „Geschirr“ über den Rücken und die „Strangen“ wurden dann am „Ortscheidl“ befestigt. „Jua, jua“ waren die Worte zum Antrieb; „eissi zua“ rief man wenn man wollte, daß sie sich nach links drehen sollten und „tscha“, wenn’s nach rechts gehen sollte. Diese Ausdrücke waren in Wörtherberg gebräuchlich, die sicherlich jetzt dort schon Fremdwörter sind.
An all das denke ich heute. Ich möchte in Stille ein Dankeschön sagen all den Tieren, die jahrhundertelang unsere Gesellen und Gefährten waren; die uns nicht nur Nahrung und Arbeitskraft gaben, sondern uns auch zeigten, wie bereichernd die Verbindung zwischen Mensch und Tier ist und wie wir oft spät verstehen lernen, daß diese Beziehung nicht nur auf Nutz und Gewinn beruhen sollte.
In der Hitze des Sommers auf holprigen und oft steilen Wegen eine Fuhre Heu heimzubringen war unglaublich schwere Arbeit für Mensch und Kuh und man begriff dann die Bedeutung der Worte „im Schweiße deines Angesichts sollst Du dein Brot/Heu verdienen“. Hunderte Fuhren Ernte zogen unsere Kühe durch das große Tennentor und „Dankeschön“ Muxl und Scheckl; ihr wart ein gutes Gespann und euer Dasein soll nicht vergessen sein. Indem unser Leben immer „sauberer“ wird, geht das rauhe Detail unserer Erinnerungen verloren und ich neige auch dazu, in meinen Worten den Mist und Staub und Schweiß wegzulassen. Füttern, melken, Geburten: bei weitem nicht so idyllisch wie man es auf Bildern sieht – indem wir unseren Tieren die Freiheit nahmen, zwangen sie uns zur täglichen Teilnahme an ihrer Existenz, mit all den rohen Einzelheiten eines Tieres in Ketten.
Der Hof schien still und leer ohne Tiere und ich empfand Trauer, daß so vieles sich jährlich ändert – und ändern muss. Ich bin aber auch glücklich, daß nie wieder Tiere dort angekettet leben werden und daß auch für meinen Bruder Otto und für seine Frau Mitzi die Ketten gefallen sind.
Hier in England und ich glaube auch in anderen Teilen Österreichs, lebt alles Vieh frei auf den Weiden und heute erkenne ich, daß ein anderes, weit würdigeres Dasein für unsere Tiere möglich gewesen wäre.
Annemarie Fugger, London
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