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Das Jahr 2004 wird von der Burgenländischen Landesregierung zum „Jahr der
Volkskultur“ ausgerufen. Damit soll der Blick auf einen Kulturbereich
gelenkt werden, der oft im Schatten der Hochkultur steht, ja oftmals
gering geschätzt wird. Manche stufen Volkskultur verächtlich als
„gesunkenes Kulturgut“ ein, für andere bedeutet sie eine Flucht ins
Gestern, ein Erstarren in Traditionen. Volkskultur musste sich viel
gefallen lassen und ist leider auch im Sinne der Ideologie von „Blut und
Boden“ häufig missbraucht worden. Aber die Zeiten und Einstellungen haben
sich geändert, junge Menschen von heute gehen freier und ohne Vorurteile
mit traditionellem Kulturgut um. Gerade im Zeitalter der Globalisierung
ist das Befassen mit Volkskultur zu einem wichtigen Faktor der
Identitätsfindung geworden, die Menschen suchen verstärkt, woher sie
kommen und wo sie sich zugehörig fühlen. Und hier hilft die Volkskultur,
Heimat nicht nur zu spüren, sondern auch zu schüren.
Volkskultur hat ja tatsächlich mit Erbe zu tun, mit Bewahren, mit
Überlieferungen von Erzählungen, Liedern, Handwerkstechniken,
Essgewohnheiten oder Hochzeitsbräuchen. Diese Bräuche oder Rituale regeln
bestimmte Abläufe des Alltags, bieten Ordnungen für Feste und Feiern; etwa
wie sich ein Trauerzug bei einem Begräbnis formiert, oder ein Hochzeitszug
bildet. Da muss nicht lange nachgedacht werden, wer mit wem und auf
welcher Seite, vorne oder hinten marschiert, ein solcher Zug stellt sich
von selbst zusammen. Volkskultur passiert in ihrer ursprünglichen Funktion
vielfach selbstverständlich. Man denke nur an die vielen brauchtümlichen
Handlungen im Laufe des Jahres. Im Burgenland, dem Land der Dörfer, sind
solche Traditionen im familiären Zusammenleben oder im dörflichen Leben
noch häufig zu finden. Auch wenn sich die Träger der Überlieferungen
gewandelt haben. Vieles, was früher Angelegenheit von
Burschengemeinschaften war, haben heute Vereine übernommen, etwa das
Maibaumsetzen oder das Blochziehen. Bei vielen volkskulturellen
Erscheinungsformen ist auch ein Sinneswandel eingetreten, vieles passt
ganz einfach nicht mehr in die heutige Zeit. Was nicht mehr „gebraucht“
wird, kommt ins Museum oder gerät in Vergessenheit. Dafür erwachsen wieder
neue Formen. Die alten Kirtage sind fast gänzlich abgekommen – aus
vielerlei Gründen. An ihre Stelle sind zunächst „Volksfeste“ in riesigen
Bierzelten getreten, wo den Besuchern Stimmung und Unterhaltung geradezu
diktiert worden ist. Aber man konnte sich mit dem Nachbarn selber nicht
mehr unterhalten, weil die Musik zu laut war. Siehe da, in den letzten
Jahren schießen Straßen- und Gretzlfeste aus dem Boden, kleine und
überschaubare Nachbarschaftstreffen, weil die Menschen noch immer ein
Bedürfnis haben, sich gesellig zusammenzusetzen. Man könnte diese
Gretzlfeste mit den Picnics unserer amerikanischen Freunde vergleichen.
Jeder bringt sein Essen und Trinken selbst mit, und im Nu herrscht eine
fröhliche Stimmung.
Die Volkskultur ist also nichts Starres, sie erneuert sich aus sich selbst
heraus ständig und macht natürlich auch Moden mit. Gerade als Sänger und
Musikant kann ich das bestätigen, andererseits habe ich aber festgestellt,
dass es in der Volksmusik viele Stücke gibt, die gleichsam über die Zeiten
halten, die nie unmodern werden. Das muss an der Qualität dieser Stücke
liegen, an der Einprägsamkeit ihrer schönen schlichten Melodien oder der
Poesie ihrer Texte. Wir finden das auch in anderen Bereichen der
Volkskunst, des Bauens, der Kleidung. Das hat mit dem richtigen Maß zu
tun, mit Farben, Gefühlen, Erinnerungen, mit einer gewachsenen Beziehung
von Mensch und Landschaft, etwas, was sich über Generationen bewährt hat,
wertvoll geworden ist.
Diesen Wert der Volkskultur zu erkennen, wieder bewusst zu machen, das ist
das Ziel des kommenden Jahres. Wie wollen wir das erreichen?
Zuerst einmal wird ein breiter öffentlicher Diskurs über das Thema
Volkskultur einsetzen und der wird hoffentlich noch weit über das Jahr
hinaus gehen. Nach dem Motto „Von der Retrospektive zur Perspektive“
werden wir uns mit dem Thema in drei Ebenen auseinandersetzen: In
verschiedenen Museen und Sammlungen zeigen wir die historische und
gegenwärtige Volkskultur aller im Burgenland beheimateten Volksgruppen.
Dabei weisen wir den drei Landesteilen folgende Schwerpunktthemen zu: im
Norden „Mensch und Natur“, im Mittelburgenland „Kunst und Spiel“ und im
Süden „Glaube und Heimat“. Als Einstieg in die Materie soll die
Ausstellung im Burgenländischen Landesmuseum dienen, die den Titel
„Lebensweisen-Lebenswelten“ trägt.
Auf der zweiten Ebene sollen sich alle volkskulturellen Vereine und
Verbände sowie alle übrigen in der Kulturarbeit Tätigen präsentieren,
Blasmusik, Gesang, Volkstanz, Laientheater, Mundartdichtung. In diesen
Bereich fallen Konzerte, Tanzveranstaltungen und Spielfeste, das
Europafrühstück am 1. Mai an sämtlichen Grenzübergängen zu den östlichen
Nachbarländern und vieles andere mehr.
Und schließlich wollen wir auch neuen Formen Raum geben und laden alle
ein, sich kreativ und experimentell mit Volkskultur auseinander zu setzen.
Im Rahmen eines Ideenwettbewerbes sollen Projekte eingereicht und
ausgezeichnet werden, die Perspektiven für Weiterentwicklungen eröffnen
oder ganz einfach nur Humor zeigen.
Die Veranstaltungen und Projekte werden vom „Verein Jahr der Volkskultur“
koordiniert, die Auftaktveranstaltung findet am 21. März im Kulturzentrum
Eisenstadt statt. Alle Informationen über das Jahr der Volkskultur bietet
die homepage
www.volkskulturistda.at
Dr. Sepp Gmasz
Auch wir haben das Jahr 2004 in der Burgenländischen Gemeinschaft zum
„Jahr der Volkskultur“ proklamiert und wir werden, mehr als sonst, dieses
Thema in unsere Arbeit einfließen lassen. Was das „Jahr der Volkskultur“
sonst noch bringen wird, hat
Dr. Sepp Gmasz im oben stehenden Artikel beschrieben. Er wird auch mit
seinen „Buchgrablern“ am 4. Juli 2004 in Moschendorf beim Picnic
aufspielen. Die „Buchgrabler“ sind die besten Interpreten der
traditionellen burgenländischen Volksmusik. Sie spielen zu hören, ist
allein schon ein Grund, dieses Picnic zu besuchen.
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