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Wie ein roter Faden zieht sich das Leid getrennter Familien durch die
burgenländische Auswanderungsgeschichte. Am traurigsten war die Trennung
der Eltern von ihren Kindern. Sehr oft war es so, daß die Eltern nach
Amerika gezogen und die Kinder bei den Großeltern geblieben sind. Diese
haben die Kinder dann aufgezogen, die eigenen Eltern aber sind oft ein
Leben lang fremd geblieben.
Vor wenigen Wochen ist Julia Wechsler, geb. Hartler, in
Amerika gestorben und am 13. September 2003 auf dem heimatlichen Friedhof
in Neustift bei Güssing begraben worden. Auch die Geschichte ihres Lebens
ist eine Geschichte von Abschied und Trennung.
Julias Vater, Franz Hartler, kam aus Radling, einem
Grenzort im heutigen Ungarn, und hat durch die Heirat mit Julia (Mutter)
in die Familie Schrammel-Tapler in Neustift eingeheiratet. Am 1. Juni 1908
kam ihre Tochter Julia in Neustift zur Welt. Bereits nach 5 Monaten zogen
die Eltern nach Amerika und ließen das Baby bei den Großeltern zurück. Die
Eltern haben in Chicago bald Fuß gefasst. Vater war Fleischhauer und
zusammen führten sie auch eine Gemischtwarenhandlung. Einige Jahre später
zogen sie dann nach New Jersey. Es ist unglaublich, daß sie, die 1909
ausgewandert sind, nie mehr nach Hause kamen, nicht einmal auf Besuch. In
Amerika kamen dann 1910 Irma und 2 Jahre später Franziska zur Welt. Sie
sind unverheiratet geblieben.
Nach dem Ersten Weltkrieg war die Chance einer
Familienzusammenführung versäumt worden. Die Eltern Hartler mit den beiden
Töchtern blieben in Chicago, die älteste Tochter Julia blieb bei den
Großeltern in Neustift.
Inzwischen war Julia (1908) herangewachsen. Sie hat
1930 den Bauern Franz Wechsler in Neustift geheiratet. Im Jahre 1931 kam
ihr einziges Kind Theresia zur Welt. Diese heiratete 1951 wieder einen
Bauern in Neustift, den 1930 geborenen Johann Tapler, einen aus der
Familie der „Riegel-Tapler“. Für die Hochzeit hatte die Großmutter aus
Amerika weiße Seide geschickt, aus welcher dann das Brautkleid für
Theresia gemacht wurde. Auch vorher sind schon viele Pakete aus Amerika
gekommen, besonders in den ersten Monaten nach dem Krieg. Damals kam fast
jede Woche ein Paket.
Im Jahre 1954, Mutter Julia war mittlerweile 46 Jahre
alt geworden, fuhr sie nach Chicago, um erstmals ihre Eltern zu sehen und
kennenzulernen, um dann in Amerika zu bleiben. Ihr Auswanderungsansuchen
wurde bevorzugt behandelt, weil sie die Tochter von Amerikanern war. Dies
war auch der Grund, warum ihr Mann Johann Wechsler erst 6 Monate später
seiner Frau folgen konnte. Das Vieh wurde verkauft und die Wirtschaft im
„Wechsler-Haus“ aufgegeben. Wieder blieb ein Kind zurück: ihre 1931
geborene und bereits verheiratete Tochter Theresia. Ein Jahr später
folgten Theresia und ihr Mann Frank ihren Eltern nach New Jersey.
Die Eltern waren fleißige Leute und sind 1970 in
Pension gegangen. Unmittelbar danach sind sie nach Neustift zurückgekehrt
und verbrachten dort ihren Lebensabend. 1983 ist Johann Wechsler in
Neustift gestorben und wurde dort begraben. Zum Begräbnis waren die
Tochter Theresia mit ihrem Mann gekommen. Danach haben sie gleich ihre
Mutter mit nach Amerika genommen. 13 Jahre lang lebte sie bei ihren
Kindern. Dann wurde sie gehbehindert und krank und musste in ein
Pflegeheim.
Je älter Mutter wurde, umso häufiger hat sie von daheim erzählt. Auch
ihren Enkelkindern John (1953) und Theresia (1955), die noch beide in
Neustift geboren sind. Es war selbstverständlich, daß in dieser Familie
viel Deutsch gesprochen wird. Das Interesse an der alten Heimat ist bei
John besonders ausgeprägt. Aber auch seine Schwester und die Kinder der
nächsten Generation pflegen den Kontakt mit der alten Heimat und
interessieren sich sehr für das Burgenland.
Julia wurde 95 Jahre alt. Ein Leben lang war sie in 2
Ländern daheim oder auch nicht daheim. Heimat ist nicht nur das Land der
Geburt sondern auch jener Ort, wo die engsten Verwandten leben. Und gerade
das blieb Julia ein Leben lang nicht vergönnt.
Es war ihr letzter Wunsch, in ihrer Heimat und neben ihrem Mann in
Neustift begraben zu werden. Dieser Wunsch wurde erfüllt. Mit dem selben
Flugzeug, das sie nach Hause brachte, kamen auch ihre Tochter Theresia,
ihr Schwiegersohn Johann und ihr Enkel John.
Nun bleibt sie für immer in ihrer alten Heimat. Ihre
Kinder aber sind wieder zurück in ihre neue Heimat.
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