Ein anderes Land, andere Bräuche
(Allerheiligen) von
Annemarie Sahloul, London


31. Oktober, Halloween in London - unser Haus ist voller Kürbisse durch deren Grimassen das Licht der Kerzen flackert. Freunde tragen Kürbisse verschiedenst geschnitzt in den finsteren Garten. Ein Feuer brennt, ein warmer Herbstwind wirbelt glühende Funken in den Nachthimmel. Kürbisse in allen Ecken des Gartens, Grimassen lächeln uns an. Ich habe viele Kerzen angezündet - wir feiern Halloween - die Nacht vor Allerheiligen - ein anderes Land, ein anderer Brauch ....
Jedoch weile ich weit von hier, heute Abend ist es Allerheiligen für mich.

Ich bin ein Kind, ein junges Mädchen, dreitausend Tage alt, meine Gedanken flattern über die Gräber von Wörtherberg. Ich flechte Kränze mit Astern vom Frost bereits gebräunt - sammle Novemberblumen für die vielen Gräber meiner Familie. Bin inmitten einer langen schwarzen Schlange, die sich langsam und schwermütig dem Tor des Friedhofs nähert. Die letzte Station auf diesem Kreuzweg. Stehe vor dem Grab meiner Großeltern, vor dem Grab meines Vaters, machtlos im Anblick der Endgültigkeit des Todes. Ich stehe vor dem offenen Grab meines Großvaters an einem heißen Julitag und blicke in die lehmige Tiefe, in welche der schwarze Sarg sinkt; erinnere mich seltsamerweise wie weiß vom Straßenstaub die schwarzen Schuhe meiner Mutter waren. Wolken von Weihrauch, Grabgesänge - leises Wimmern und Weinen - Erde nimm was dein ist - stiller Schmerz zerreißt mein Kinderherz.

Heute Abend streue ich immer wieder Weihrauchkörner auf die glühende Kohle unseres Halloweenfeuers in einem Garten von London, stehe aber am Grabe meiner Kindheit - stehe inmitten von Allerheiligen - sitze auf den Kürbishaufen meiner Kindheit.


Annemarie Sahloul, London

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Burgenlaendische Gemeinschaft 9/10 2002 Nr.379 Zeitungsarchiv, Serien