Sie haben Steinfurt aufgebaut
 

 

Die letzten Männer der Kriegs- und Nachkriegszeit, die am Aufbau von Steinfurt wirtschaftlich und auch politisch mitgewirkt haben, sind heuer gestorben: Johann Svetits und Johann Tuifl.
Beide gehörten noch Familien an, die nach Amerika auswandern mußten, damit sie sich später in der Heimat eine Existenz aufbauen können.

Steinfurt, am Rande des Punitzer Waldes nahe Güssing gelegen, ist ein typisches burgenländisches Auswandererdorf. Steinfurt hatte früher im Schnitt 150 Einwohner. Am Beginn des vorigen Jahrhunderts sind 170 Menschen ausgewandert, 75% davon zwischen 1900 und 1930. 80 Steinfurter kehrten wieder in die Heimat zurück.

Johann Svetits wurde wie drei seiner Geschwister in Amerika geboren. Er wurde auch nicht Johann, sondern John gerufen. Seine Familie lebte in Pennsylvanien. Der Vater war, wie fast alle Steinfurter, in einer Zementfabrik beschäftigt. Die Mutter war eine „Boarderfrau“. Das heißt, ihr Mann hatte ein Haus gemietet, in dem er Zimmer an Burgenländer, die ohne Familie ausgewandert waren, vermietete. Die Mutter von John kochte für die Mieter und besorgte die Wäsche. Mit dem ersparten Geld ließen sie in Steinfurt ein Haus schlüsselfertig erbauen. Als das Haus fertig war, kehrte die Familie in die Heimat zurück. Dieses Haus ist nach außen hin baulich noch unverändert und ist ein Beispiel für die Bauweise der „Amerikahäuser“. Zwei Schwestern von Herrn Svetits, Maria und Anna sind nach dem Krieg, da sie amerikanische Staatsbürger waren, nach Amerika ausgewandert.

Die Familie von Johann Tuifl war ebenfalls von der Auswanderung betroffen. Nur blieb die Mutter mit den Kindern in Steinfurt, während der Vater viele Jahre in Amerika arbeitete und die Dollar für die Familie und für die Vergrößerung des landwirtschaftlichen Betriebes nach Steinfurt schickte. Dort war wie in vielen burgenländischen Dörfern bis in den Dreißiger Jahren der Dollar das gängige Zahlungsmittel.

Als der Schwager des Verstorbenen (3 Schwestern waren ebenfalls ausgewandert) 1932 mit seinen 3 Kindern wegen einer Krankheit Amerika verlassen mußte und in Steinfurt verstarb, zog die Großmutter die Kinder auf, obwohl noch drei Söhne im Haus wohnten. Die Mutter blieb in Amerika und ließ 1946 die Kinder nach Amerika holen. Dies war leicht möglich, da die Kinder amerikanische Staatsbürger waren. Sie erhielten sogar von der USA 100 Dollar Startgeld, das sie später zurückzahlen mußten. Sie blieben mit Steinfurt weiter in Verbindung und verbrachten schon viele Urlaube in der alten Heimat.

Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, mußten Herr Tuifl und Herr Svetits einrücken. Aus der Gefangenschaft heimgekehrt, begann ihre Generation mit dem wirtschaftlichen Aufbau von Steinfurt. Beide waren als Landwirte tätig. Daneben waren sie auch politisch als Gemeinderäte bzw. als Ortsparteiobmann tätig.

Diese Generation war der Modernisierung der Landwirtschaft aufgeschlossen. So wurde in Steinfurt unter der Anleitung der Landwirtschaftskammer ein Versuchsobjekt über die Aufzucht von Legehühnern der Rasse Sussex gestartet. Zu diesem Zweck durfte im Dorf nur diese Rasse gehalten werden. Musterställe wurden errichtet. Viele Bäuerinnen aus dem gesamten Burgenland kamen, wie in der Ortschronik steht, mit Bussen nach Steinfurt, um die Musterbetriebe zu besichtigen. Die Chronik berichtet auch, daß dieser Versuch wirtschaftlich ein großer Erfolg war.
Die Motorisierung der Landwirtschaft hielt ebenfalls Einzug in Steinfurt (Traktore, Bindemäher, die dann von den Mähdreschern abgelöst wurden).

Herr Tuifl war Mitglied des Lichtausschusses, der erreichte, daß am 24.2.1952 in den Häusern von Steinfurt zum ersten Male das elektrische Licht brannte.

Im Jahre 1954 führte eine befestigte Straße von Strem nach Steinfurt und im Frühjahr dieses Jahres konnte zum ersten Mal die Rettung mittels Telefon verständigt werden, denn im Gasthaus Nemeth wurde die erste Telefonanlage installiert.
So legte diese Generation den Grundstein dafür, daß die heutige Generation das Dörfchen Steinfurt zu einem Schmuckkästchen gestalten konnte. Heute kommen Busse, um den Blumenschmuck des schönsten Dorfes von Europa (Europapreis 1991) zu bewundern. Was die Landwirtschaft von Steinfurt heute betrifft, so ist interessant, daß es schon seit Jahren keinen einzigen Vollerwerbsbauern gibt und die Nebenerwerbsbauern auf Körndlwirtschaft umgestiegen sind. Bis in den fünfziger Jahren lebten bis auf 4 Familien alle Steinfurter von der Landwirtschaft.
Eine Viehzählung im Herbst 1960 ergab folgende Zahlen: 2 Pferde und 155 Rinder. Heute gibt es im Dorf kein einziges Stück Großvieh.

Alle Erwerbstätigen, bis auf den Gastwirt, sind Tages- oder Wochenpendler. Der Anteil der Pensionisten ist wie in allen Dörfern des Burgenlandes mit 26% sehr hoch. Weitere Zahlen sind höchstwahrscheinlich auch für andere Dörfer des Landes signifikant.
1960: Drei Steinfurter hatten eine Matura
2002: Acht Personen haben Matura, studieren oder üben einen Lehrberuf aus.
Drei junge Leute sind Akademiker.
 

Kurt Prenner

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Burgenlaendische Gemeinschaft 9/10 2002 Nr.379 Zeitungsarchiv