Amerikanische Pakete
 
In Krottendorf gab es eine Familie, deren Tochter nach Amerika geheiratet hatte und die hatte wiederum eine Tochter bekommen, die Annabell. Annabell war - glaube ich - etwa zwei Jahre älter als meine Schwester Hilde und drei Jahre älter als ich. Amerika galt ja als das Land der unbegrenzten Möglichkeiten und als ein Land, in dem die Leute sehr reich waren. Annabells Eltern waren es sicher, denn sie kleideten ihre Tochter immer besonders schön und dabei auch noch großzügig ein. Auch ihre Mutter verstand sich modisch zu kleiden. Woher ich das so genau weiß? Die „Uatzn-Mama“ bekam ein paarmal im Jahr ein großes Paket aus Amerika mit abgelegter Kleidung von ihrer Tochter und der Enkelin. Das war ihre Unterstützung für die Mutter zu Hause, denn diese tauschte die Sachen gegen praktische Hilfe ein. Wenn die „Uatzn-Mama“ unsere Mami traf, dann konnte sie ihr öfters sagen: „Wannst Zeit host, dann kimm mit die Kinda zu ins. I haun scha wieda a Packl krieag.“ Das ließ sich die Mami nicht zweimal sagen, setzte meine Schwester und mich auf ihr Fahrrad - Hilde auf den Gepäckträger und mich in den Sitz vor der Lenkstange - und schon radelte sie mit uns „zum Paket aus Amerika“.

Meine Schwester und ich waren voller Vorfreude, was wohl dieses Mal wieder im Paket für uns drinnen war. Die hübschen Kleider mit den vielen Rüschen dran, in denen wir wie kleine Prinzessinnen aussahen, kannten wir ja schon von frühester Kindheit an. Ich bekam dabei ein „zweimal getragenes“ Kleid, denn vor mir trug es nach der Annabell auch noch meine Schwester. Erst wenn es ihr zu klein war, „erbte“ ich es. Neben den vielen Sommerkleidern, die wir bekamen, waren natürlich auch welche für den Winter dabei. Anoraks und Mäntel genauso wie Mützen und Handschuhe und Schals. Einmal waren sogar Pelzstiefel dabei. Als ich in die erste Klasse ging, war in dem Paket etwas Besonderes dabei, welches mir jedoch - offiziell - das Christkind brachte, denn es lag unter dem Weihnachtsbaum. Es war ein roter Anorak mit Kapuze, die von einem weißen Pelzstreifen eingerahmt wurde. Als ich damit nach den Weihnachtsferien zum ersten Mal in die Schule ging, sagte der Lehrer zu mir, ich sähe aus wie Rotkäppchen und ich solle aufpassen, dass ich auf dem Schulweg nicht dem bösen Wolf begegnen würde. Auf diesen Anorak war ich besonders stolz und paßte auch gut darauf auf, denn schließlich sollte ihn nach mir auch noch später einmal meine um sechs Jahre jüngere Schwester tragen. Unter dem Motto: Erst die große Schwester, dann die mittlere und danach die kleine Schwester.

Einem der Pakete verdanke ich, dass ich, sobald ich lesen konnte, etwas Englisch lernte. Meine um elf Jahre ältere Tante - eine Schwester meiner Mutter - wohnte noch bei uns und für sie hatte Annabell einige Hefte zum Englisch lernen mitgegeben. Annabell kam ab und zu mit ihrer Mutter zu Besuch in die Heimat. Natürlich besuchten sie dann auch uns und wir konnten uns so einigermaßen gut miteinander verständigen, denn Annabell sprach ganz gut Deutsch. Uns allerdings wollte sie mit ihrer Sprache vertraut machen und sie mit uns bei ihren Besuchen auch sprechen. Deshalb legte sie Englischhefte, die sie nicht mehr benötigte, den Paketen bei.
Die Hefte hatten das Format A4 und waren blaßgrün. Der Text war leicht zu lernen, denn in der ersten Zeile waren die Wörter in Englisch geschrieben, in der Mitte standen die Wörter in der englischen Aussprache und darunter schließlich der deutsche Text.

Durch Annabells Erzählungen von ihrer Heimat Amerika wurde ich sehr neugierig auf dieses Land, wo es - meiner Vorstellung nach - nur reiche Leute geben musste. Annabell lud uns auch ein, sie in ihrer Heimat zu besuchen, doch wie sollten wir das möglich machen? Wer sollte die teure Reise bezahlen und allein ließen uns Vati und Mami ohnehin nicht auf Reisen gehen, selbst wenn sie uns diese bezahlen hätte können. Was aber nie und nimmer der Fall war.
So blieben meine Vorstellungen und Träume von diesem wundersamen Land. Sehnsüchtig sah ich jedem Flugzeug am Himmel nach und malte mir aus, ich würde mitfliegen. Denn das nahm ich mir schon in meiner Kindheit vor: Eines Tages fliege ich nach Amerika.
Annabell sah ich niemals wieder, doch mein Traum von Amerika erfüllte sich im Jahre 1989 zum ersten Mal. Und meine Kinder waren bereits älter, als ich damals war, als mein Traum von Amerika begann.

(Aus dem Buch von Margit Kirnbauer: „Bensdorp um einen Schilling. Eine Kindheit im Burgenland“; siehe Seite 14: „Neue Bücher“)

 

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Burgenlaendische Gemeinschaft 1-3 2010 Nr.413 Zeitungsarchiv, Serien