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Unzählige
Burgenländer und deren Nachkommen in Amerika sind bemüht, ihre Wurzeln in
der alten Heimat zu erforschen. Sie erheben die Daten und erstellen so den
Stammbaum ihrer Familie. Damit begreifen sie auch die Lebensumstände
früherer Generationen. Im Folgenden ist so eine Arbeit ausgedruckt. Es
geht dabei um die Familie Mühl aus Kleinmürbisch bei Güssing und um den
Auswanderer Josef Mühl (geb. 1875), der 1903 nach Pennsylvanien kam und
dann die Familie nachkommen lies.
Meine Großmutter mütterlicherseits, Hedwig Mühl, wurde am 15. August 1885
in Kleinmürbisch (ungar. Kismedves) geboren. Sie und ihre
Zwillingsschwester Franzisca wurden am 16. August 1885 in der
römisch-katholischen Kirche in St. Nikolaus (Szt. Miklos) getauft. Ihre
Eltern waren Josephus Mühl (geb. am 6. März 1834 in Großpetersdorf) und
Johanna Pöltl (geb. 1845 in Rosenberg bei Güssing). Josephus, ein
Schreiner, starb 1885 mit 51 Jahren an Lungenentzündung, 3 Monate, bevor
die Zwillinge zur Welt kamen. Seine Eltern waren Michael (Mihaly) Mühl
(geb. 1797), Lehrer in Neustift b. G. und Urbersdorf, und Maria Vukits
(geb. 1803). Mutter Johanna war die Tochter von Josephus Pöltl (geb.
1816), Töpfer aus Rosenberg und Theresia Sammerl (geb. 1831 in Krottendorf).
Als wäre der Tod des
Gatten und Vaters Josephus Mühl nicht schon tragisch genug gewesen,
brannte kurz nach der Geburt der Zwillinge das Haus der Familie Mühl (der
ältere Bruder Josef gehörte auch noch dazu) in Kleinmürbisch nieder. Die
Familie zog daraufhin in ein Haus nach Güssing in die Nähe der
Fischteiche, welches einem Onkel gehörte. Das südlich des Burgberges
gelegene Haus ist zwischenzeitlich abgetragen geworden. Es stand leicht
unterhalb vom jetzigen Gasthaus Fabiankovits. Das Leben war hart für die
vaterlose Familie mit Mutter Johanna, welche ihre Familie mit Nähen und
Hausarbeit unterstützte. Hedwig sprach von dürftigen Mahlzeiten, von
Geschenken von Brennholz und Hasen von Wildhüter bzw. Onkel und von einmal
jährlich Orangen, einigen Nüssen und ein Geschenk vom Schloss Draskovich
zur Weihnachtszeit. Sie erinnerte sich an den klirrenden kalten Weg im
Winter und and den staubigen, barfüßigen Weg im Sommer zur Kirche "Maria
Heimsuchung" in Güssing zur Sonntagsmesse. Sie erzählte auch von großen
Marillen, Pflaumen/Zwetschken und anderen Früchten der Saison und vom
"fröhlichen" Frühling, der einem Winter voller Mühsal und Kälte folgte.
Joseph hatte Glück genug, um in jungen Jahren eine Schneider Lehre machen
zu können, während beide Zwillinge - auch als junge Mädchen - als
Haushaltsgehilfen dienten.
Hedwig
arbeitet für die Familie eines Rechtsanwaltes in St. Gotthard. Sie
erzählte immer, dass die Frau des Rechtsanwaltes sie immer gut behandelte
und ihr das Kochen beibrachte. Sie hatte schließlich mehr als genug zu
Essen. Nach dem 1. Weltkrieg verlor der Anwalt sein Vermögen, sein Haus
und seinen Lebensunterhalt und Hedwig schickte der Familie Geld und
Kleider.
Bruder Joseph (geb. 1875) wurde Schneidergeselle. Er wanderte
dann 1903 nach Allentown in Pennsylvania (USA) aus, wo er als Schneider
arbeitete. Er mietete ein Haus in der Chew Street 166 und schickte seiner
Mutter und seinen Schwestern Tickets für den Zug und das Dampfschiff sowie
auch Geld, damit diese zu ihm nach Allentown kommen können. Die Familie
nahm einen Zug nach Antwerpen und bestieg das Schiff SS Kronland (Reederei
Red Star Line - New York - Antwerpen) als Passagiere der 2. Klasse. Das
Schiff mit 12.760 Tonnen wurde 1902 in Philadelphia (USA) gebaut und
konnte 343 Passagiere in der 1. Klasse, 194 in der 2. Klasse und 1000 im
Zwischendeck befördern. Die Reise in der 2. Klasse war über ihrem
gewohnten Lebensstandard und Hedwig erzählte, dass sie sich wie eine
Prinzessin fühlte und ihre Mutter sich wie eine "große Dame" benahm.
Hedwig bekam Früchte wie Bananen und Annanas, welche sie zuvor noch nie
gesehen hatte. Sie wusste nicht einmal, ob die Bananenschale zu essen war
oder nicht. Mutter und Töchter kamen am 28. Feber 1905 in New York an und
nahmen die Fähre nach Newark, wo sie den Zug nach Allentown bestiegen. Als
Passagiere der 2. Klasse mussten sie nicht durch Ellis Island
(Einwanderungsformalitäten), weil das schon an Bord des Schiffes erledigt
worden ist.
Nach dem freudvollen
Wiedersehen mit Bruder Joseph in Allentown fanden die drei Frauen Arbeit
in einer Fabrik in der 4. und Green Street in Allentown, welche später die
"White Owl Cigar Factory" wurde. Die Zwillinge blieben aber nicht lange
dort. Junge, burgenländische Mädchen waren unter den burgenländischen
Einwanderern, welche Frauen suchten, sehr gefragt.
Franziska
heiratete am 18. März 1905 Samuel Wallitsch (geb. 1878) in Neusiedl b. G.
Sie half ihm beim Betrieb eines Gasthauses in Northampton und später in
Ruch & Oak Street in West Coplay (Stiles).
Am 16. Oktober 1905
heiratete Hedwig den Witwer Alois Sorger (geb. 1879 in Rosenberg),
dessen
Frau (Maria Pöltl, geb. 1882 in Rosenberg) bei der Geburt der Tochter
Maria Theresa starb. Sie bauten sich ein Haus in N. Fourth Street 537.
1907 bauten sich Alois und die Brüder Steve und Charles Mankos (aus
Steinamanger/Szombathely) - alle drei waren Maurer und arbeiteten am Bau -
Häuser im Block 600 der N. Jordan Street. Diese Häuser (aus Ziegelstein,
mit 10 Räumen, letzten Endes 2 Bäder, voll unterkellert, mit
Veranda/Windfang und Garten mit Weinlaube) wurden von den größer werdenden
Familien über 80 Jahre lang bewohnt/genutzt. Zuerst wurde Gaslicht
genutzt, ehe dieses in den frühen 20er Jahren durch Strom ersetzt wurde.
Geheizt wurde anfangs mit Kohlenofen, während der Küchenherd sowohl mit
Gas als auch mit Holz geheizt werden konnte. Ein Gefrierschrank wurde an
der rückwärtigen Veranda aufgestellt. Alois und Hedwig bekamen zuerst eine
Tochter, Frieda geb. 1907, und dann einen Sohn, William, geb. 1910. Ein
anderer Sohn, Edward, geb. 1919, starb als junges Kind. Hedwig war auch
eine gute Stiefmutter zu Maria Theresia, der Tochter von Alois.
Während dieser Zeit kamen
mehrere südburgenländische "Cousins" - der Familien Pöltl, Tretter und
Gerger, nach Allentown, und auch die Familie von Alois Sorger's Schwester
Cecilia Sorger Hadle. Ein Bruder, Richard Sorger (geb. 1886) starb 1918 in
Troy, New York, was eine Reise für Alois notwendig machte die traumatisch
gewesen sein muss. Die Burgenland-Verbindungen vergrößerten sich durch
Heiraten in die burgenländischen Familien Berghold, Zwickl, Wallitsch,
Mirth, Burkhardt, Fabian und Krautsack.
Ehemann
Alois arbeitete schließlich im "Bethlehem Stahl Werk" in Bethlehem, wo er
als Vorarbeiter eines Teams, welches Schamottsteine bei einem offenen
Schmelzofen austauschte, beschäftigt war. Das soziale Familienleben drehte sich meistens um
Besuche von Verwandten und Nachbarn und einen wöchentlichen Besuch des
"Turner Liederkranz Social Club" in der Second Street. Die Familie hatte
kein Auto und kein Telefon bis 1942. Alois erlitt beginnend im Jahr 1937
eine Serie von Schlaganfällen, ehe er nach langer Krankheit am 22. Juni
1942 starb.
Zusammen
mit der Familie ihrer Tochter Frieda führte Hedwig von 1942 weg ein langes
Leben, ehe sie 1978 im Alter von 93 Jahren starb. Sie war eine Hilfe beim
Aufwachsen ihrer zwei Enkelsöhne und auf "Mom" war Verlass beim
"Verhätscheln" der jungen Kinder. Sie war ein Mitglied der Pfarre "Sacred
Heart of Jesus Parish" (Heilige Herz Jesu Kirchengemeinde) in Allentown
und ist im Friedhof "Sacred Heart" (Heiliges Herz) in Whitehall
(Pennsylvania) zusammen mit ihrem Ehemann und ihrem Sohn, der als Baby
starb, in einer Reihe mit vielen anderen Burgenländern begraben.Hedwig hatte mit ihren
burgenländischen Cousins über viele Jahre lang Kontakt und sie wurde auch
von einem Cousin der Gerger-Familie besucht. Sie sprach immer wieder mit
ein wenig Heimwehgefühl von der "Heimat" und von liebevollen Erinnerungen,
obwohl ihre Kindheit schwierig war.
Hedwigs Vater Johann Mühl
hatte acht Geschwister, ihre Mutter Johanna Pöltl hatte neun Geschwister.
Während einige Pöltls auswanderten, ist von den Mühl's nicht bekannt, wer
auswanderte. Die Schreibweise der Namen änderte sich, aus Mühl wurde Muell
und aus Pöltl wurde Poeltl. Hedwigs Mutter Johanna hat nicht mehr
geheiratet; sie starb 1931 in Allentown, nie komplett "versöhnt" mit der
glücklichen Fügung, dass sie von einem Leben in Not und Mühsal in eines
mit Behaglichkeit und Überfluss wechselte. Hedwigs Großvater Mihaly
(Michael) Mühl starb am 17. Februar 1873 in Rosenberg Nr. 231, Großvater
Pöltl am 21. November 1890 in Rosenberg 217.
Hedwigs Sohn William hat
nie geheiratet - er starb 1987 im Haus seines Neffen Gerald Berghold.
Damit endete der Zweig im Sorger-Stammbaum. Ihre Tochter Frieda heiratete
den Sohn eines Einwanderers aus Poppendorf (Julius Berghold). Frieda starb
1974 in Allentown, sie hinterließ zwei Söhne, vier Enkelkinder und acht
Großenkel. Stieftochter Maria Theresia heiratete den Sohn eines anderen
Einwanderers aus Heiligenkreuz i. L. (Zwickl). und hatte drei Kinder. Es
gibt auch Enkelkinder.
Das war das Leben eines
weiteren Einwanderers aus dem Burgenland, einer feinen und gütigen Frau,
liebevollen Mutter, Großmutter und Urgroßmutter. Ihr Vermächtnis umfasst
viele Nachfahren, welche von ihrer Courage und ihrem Weitblick, der
Auswanderung in eine neue Welt, profitierten. Zumindest diesem einem
Enkelkind hat sie auch ein lebenslanges Interesse in die alte Heimat
"mitgegeben". Es war meine gütliche Fügung, dass ich ihren Stammbaum
erforschte und es mir somit möglich war, zur Erinnerung an sie Kerzen in
den Kirchen, wo sie getauft und gefirmt wurde, anzuzünden.
Gerry Berghold
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