Auswandererschicksal
Litzelsdorf

Wie ein roter Faden zieht sich das Leid der getrennten Familien durch die burgenländische Auswanderungsgeschichte. Oft lebte ein Teil der Familie in Amerika, der andere Teil daheim. Kinder wurden von ihren Eltern getrennt, Eltern von ihren Kindern. Ehepartner lebten entfernt voneinander und dann auch oft auseinander. Großeltern mußten die Eltern ersetzen. Weil die Armut groß war, kamen in die Familien auch oft Findelkinder, für die man ein paar Schillinge bekam. Sie wurden wie Geschwister empfunden, weil man die leiblichen Geschwister, die in Amerika lebten, oft gar nicht kannte. 

Adolfo Gumhalter ist 1932 in Argentinien geboren, wie auch seine Geschwister Alfredo (1930) und Antonio (1933). Seine älteren Geschwister Karl, Josef, Maria und Edmund kamen noch im Burgenland zur Welt und sind nach der Auswanderung ihrer Eltern auch dort geblieben.
Die Eltern waren Karl (1895-1934) und Maria (1898-1993), beide gebürtige Litzelsdorfer. 1920 haben sie geheiratet, aber nicht daheim, sondern in Steinamanger. Dort war Karl im Ersten Weltkrieg als Husar eingerückt und daher kannte er die Stadt. Angeblich soll den Eltern die Eheschließung nicht recht gewesen sein. So etwas kam oft vor.

Vater hat als Schmied gearbeitet, zuerst in Litzelsdorf, dann in Strem. In den ersten 4 Jahren ihrer Ehe kamen 4 Kinder zur Welt: 1921 Karl (er ist als U-Boot-Fahrer im Krieg gefallen), 1922 Josef (1985 in Wien gestorben), 1924 Maria (sie lebt heute in Deutsch Schützen) und 1925 Edmund (er blieb am Hause und starb kinderlos 1975).

Was sie erwirtschaften konnten, war für das Leben zu wenig, für das Sterben immer noch zu viel. So kam es nach und nach zu Schulden. Ihre Eltern beiderseits haben Geld aufgenommen, damit das junge Ehepaar auswandern konnte. Ende der 20er Jahre war die Einwanderung in die USA dort von Gesetz her stark eingeschränkt worden und so sind sehr viele burgenländischen Auswanderer jener Jahre nach Südamerika gefahren, die meisten nach Argentinien.
Im Jahre 1927 sind die Gumhalter von Genua mit dem Schiff nach Argentinien gefahren. Vorher war schon die ihnen bekannte Familie Graf aus Ollersdorf dorthin gezogen. Die Kinder Karl und Edi kamen zu den Großeltern Gumhalter, Maria und Seppl zu den Großeltern Fassl. Alle 4 mußten in der Landwirtschaft hart arbeiten.

Da die Eltern in Argentinien nun ohne Kinder waren, konnten beide Geld verdienen gehen. Drei Jahre lang haben sie auf einer Estanzia, einem landwirtschaftlichen Gut, gearbeitet. Er als Schmied, sie als Köchin. Dort trafen sie auch andere Burgenländer, unter ihnen einen Sagmeister aus Stegersbach, den sie schon von daheim kannten. 1930 hat sich der Vater als Schmied selbständig gemacht und hat vom Beschlagen der Pferde gelebt. Auch in Argentinien kamen die Kinder knapp hintereinander, 3 innerhalb von 3 Jahren: Alfredo, Adolfo und Antonio. Es ging ihnen nicht schlecht, aber der Vater hat recht ungesund gelebt. Er hat viel geraucht und auch getrunken. Als dann noch eine Lungenentzündung dazu kam, ist er 1934 gestorben. Die Mutter blieb mit ihren 3 Kindern zurück, das Älteste war 4 Jahre alt. Um zu überleben, ging sie als Magd in Häuser arbeiten. Ihre Kinder mußte sie in fremde Hände geben.

Antonio ist dann schon nach einem Jahr gestorben. Adolfo kam in ein deutsches, Alfredo in ein argentinisches Waisenhaus. Die Brüder blieben getrennt.

Nach dem Tode seines Vaters war Adolfo in verschiedenen Waisenheimen. 1942 kam er in eine deutsche Schule. Die Mutter konnte nur 3mal im Jahr in dieses Heim kommen. Für Adolfo war sie wie eine fremde Frau. Das Heim, für das man nichts zu zahlen brauchte, war nur für arme Kinder. Aber dort konnte er wenigstens in seiner Muttersprache reden und gut Deutsch lernen. 
Mit 15 Jahren, im Jahre 1947, kam er wieder mit seiner Mutter zusammen. Sie hatten miteinander eine Wohnung, später ein Haus erworben und blieben bis zum Tode der Mutter zusammen.
Bis zum 20. Lebensjahr arbeitete Adolfo in einer Fabrik für Küchenherde. Anschließend, im Jahre 1952 war er bei der Polizei verpflichtet. Beim Begräbnis von Evita Peron, der Frau des Staatspräsidenten, ist er Spalier gestanden. Ursprünglich wollte er bei der Polizei bleiben, wechselte 1954 aber in eine Werkstätte, wo er als Dreher gearbeitet hat. 1962 kam er zu Siemens und war dort 30 Jahre lang, bis zu seiner Pensionierung tätig. Dort haben ihm seine Kenntnisse der deutschen Sprache sehr geholfen. 

In dieser Fabrik hat er auch Norma, eine Argentinierin, kennengelernt. 1967 haben sie geheiratet. 1968 kam Daniel, 1972 Roberto zur Welt.

Die Eltern Karl und Maria hatten ihre österreichische Staatsbürgerschaft mitgebracht und auch behalten. Die in Argentinien geborenen Kinder haben diese geerbt, selbst die Enkelkinder Daniel und Roberto sind heute österreichische Staatsbürger. Sie sind gut geratene Söhne. Daniel ist Elektrotechniker, Roberto im Außenhandel beschäftigt.

Im Jahre 1963 war es endlich so weit. Die Mutter kam erstmals wieder nach Hause. Maria sah ihre Mutter wieder, an die sie sich kaum noch erinnern konnte.

1989 fuhr Maria nach Argentinien und sah dort zum erstenmal ihren Bruder Adolfo.

Heuer, im Juli 2002, kam Adolfo zum ersten Mal in die Heimat seiner Eltern ins Burgenland.
Er lebte in Deutsch Schützen, besuchte die Großfamilie in Litzelsdorf und Stegersbach. 
Und er wird wieder kommen. 

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Burgenlaendische Gemeinschaft 7/8 2002 Nr.378 Zeitungsarchiv, Serien