So war es damals...
15. (und letzte) Folge
Die 90er Jahre - das Jahrzehnt der Nachbarschaft


Wie die 60er Jahre das "Jahrzehnt der Wirtschaft", die 70er Jahre das der "Gesellschaft" und die 80er Jahre das der "Landschaft" gewesen sind, so können die gegenwärtigen 90er Jahre als das "Jahrzehnt der Nachbarschaft" bezeichnet werden.
Es ist nicht so, daß es bis jetzt keine Nachbarn gegeben hätte, aber Nachbarschaft ist heute etwas anderes als es früher gewesen ist. Ich denke an die Nachbarschaft im gemeinsamen Haus, mit dem Haus nebenan, die Menschen im Nachbardorf und die Nachbarn jenseits der Staatsgrenzen. Bei allen hat sich sehr viel verändert in den letzten Jahren.

Fangen wir bei den Nachbarländern an: Der Nachbar an der Südgrenze ist nicht mehr Jugoslawien, sondern ein Teilstaat, nämlich Slowenien. Der Nachbar an der Nordgrenze ist nicht mehr die Tschechoslowakei, sondern ein Teil dieses ehemaligen Staates, Tschechien. Beides waren Länder, die durch den Zerfall der Monarchie im Jahre 1918 entstanden sind. Ebenso wie die Republik Österreich damals entstanden ist, obwohl Österreich als Idee schon 1.000 Jahre alt ist, was gerade in diesem Jahr als "Millenium" gefeiert wird.

Das Burgenland hatte in den letzten Jahrzehnten einen Eisernen Vorhang gegen Ungarn und eine schwer durchlässige Grenze gegenüber der Tschechoslowakei und gegenüber Jugoslawien. Heute sind alle diese Grenzen frei passierbar in beiden Richtungen. Wenn auch diese Nachbarländer einmal zur "Europäischen Union" gehören werden, und dies ist bei Slowenien und Ungarn gar nicht mehr so fern, wird es überhaupt mehr keine Grenzen geben, keine Zöllner und keine Soldaten an der Grenze mehr. Daher müssen wir uns jetzt schon mit diesen Nachbarn beschäftigen.
Es ist sehr erfreulich, daß man in Ungarn wieder daran geht, das Erlernen der deutschen Sprache zu fördern. Auch im Burgenland gibt es an vielen Orten Kurse, an denen wir ungarisch lernen können. Es gibt viele Schüler aus den slowakischen und ungarischen Grenzgebieten, die täglich in burgenländische Schulen kommen und dort unterrichtet werden. Sie können anstandslos die Grenze passieren. Andererseits gibt es viele österreichische Studenten, die im Sommer an der Universität in Debrecen ungarisch lernen. Jedesmal sind es viele Hunderte aus aller Welt.

Unser "Heimattreffen Pinkaboden" war ein Beitrag in dieser Entwicklung. Es wird nicht der einzige bleiben.

Seit Österreich bei der "Europäischen Union" ist, dies ist seit 1. Jänner des letzten Jahres, zieht es auch viele Investoren in unser Land. Neue Fabriken entstehen an der Ostgrenze, weil man schon mit den Kunden in Osteuropa rechnet. So entsteht gegenwärtig mit beachtlicher Förderung der "Europäischen Union" ein gewaltiges Kunstfaserwerk in Heiligenkreuz, dessen Errichtung hunderte Millionen Schilling kostet. Auch hier wird mit Ungarn kooperiert.

Eine große österreichische Baufirma baut gegenwärtig je ein Thermalbad in Blumau (Oststeiermark), in Stegersbach (Burgenland) und in Heviz (Westungarn). Es wird eine einheitliche zusammenhängende Thermenlandschaft entstehen. Von einer Grenze wird man genausowenig spüren, als würde man in Amerika von North Dakota nach South Dakota fahren.

Nachbarschaft gibt es auch mit jenen Menschen, die im Haus nebenan wohnen. Durch die große Mobilität der Bevölkerung in Europa sind diese Menschen oft zugezogene Ausländer, meistens aus Osteuropa, die bei uns Arbeit gefunden haben. Das Auswandererland Burgenland ist zu einem Einwandererland geworden. Es kommen auch viele Leute aus den Großstädten, vor allem aus Wien, die das Nachbarhaus, das einmal ein Bauernhaus gewesen ist, gekauft haben und nun bei uns in guter Umgebung und guter Luft leben. Die meisten bleiben auch in der Zeit ihrer Pension hier, oder sie kommen erst, wenn sie in der Stadt ihr Berufsleben endet haben.
Früher war der Nachbar einer so wie ich selbst. Schon die Väter und Großväter waren miteinander aufgewachsen. Man kannte einander schon von Kindheit auf. Im Dorf gab es eigentlich nur Bauern. Selbst Gewerbetreibende, Lehrer, Pfarrer hatten Grundstücke, Wälder und Weingärten. Heute müssen wir uns daran gewöhnen, mit Fremden zu leben und sie anzunehmen.

Eine neue Form der Nachbarschaft entsteht auch in den Reihenhäusern. Das sind Häuser, die nicht getrennt nebeneinander stehen, sondern aneinander gebaut werden. Dieses meist gemeinsame Dach erspart viele Kosten, da Strom- und Wasserleitungen gemeinsam angelegt und benützt werden können. Das Reihenhaus, das oft auch ein Fertighaus ist, ist eine neue Wohnform und eine neue Form gelebter Nachbarschaft.

Ende 

Dr. Walter Dujmovits

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Burgenlaendische Gemeinschaft 9/10 1996 Nr.343