So war es damals...
15. Folge
Die 80er Jahre - das Jahrzehnt der Landschaft


Nachdem in den 60er Jahren in dem Bereich der Wirtschaft, in den 70er Jahren im Bereich der Gesellschaft sich die größten Veränderungen vollzogen, war es zu erwarten, daß in den 80er Jahren diese Veränderungen in der Landschaft sichtbar werden würden. So ist es auch passiert. Die zahlreichen einschneidenden Veränderungen machten es notwendig, daß die gesetzliche Raumordnung und Raumplanung auf diese Veränderungen reagierten und dadurch verhinderten, daß sich die Landschaft ungeordnet weiter entwickelt. Die Landschaft wird eingeteilt in Flächen, welche der Landwirtschaft vorbehalten bleiben müssen, welche als Baugelände für weitere Ansiedlungen vorgesehen sind und wo Verkehrsflächen und Betriebsansiedlungen vorgenommen werden können. Dies soll vor allem eine weitere Zersiedelung der Dörfer verhindern und mithelfen, daß die neuen Siedlungen möglichst zusammen bleiben. Weit auseinanderliegende Häuser haben ja Maßnahmen in der Infrastruktur wesentlich verteuert. Jedes Haus ist nun bereits an ein Versorgungsnetz (Zufahrtsweg, elektrischer Strom, Wasserleitung, Telefon) und an einem Entsorgungsnetz (Kanal, Müllabfuhr) angeschlossen. Um die Kosten des Ausbaues der Infrastruktur erschwinglich zu halten, mußten die Siedlungen möglichst beisammen bleiben. Der "Flächenwidmungsplan" wurde zur Grundlage der Entwicklung der Siedlungen im ländlichen Raum.

Seit der Bauernbefreiung in der Mitte des letzten Jahrhunderts waren vier Generationen vergangen. Jede hatte die Ackerflächen unter den Kindern aufgeteilt. Zum Schluß blieben nur mehr "Hosenriemenäcker" übrig, die oft nur 2-3 Meter breit und dafür sehr lang waren. Durch "Kommasierungen" wurde dieser landwirtschaftliche Zwergbesitz nach wirtschaftlichen Grundsätzen zusammengelegt. Nun konnten die Bauern mit ihren neuen und großen Maschinen die großen Flächen leichter bearbeiten.

Der rasch sich entwickelnde Autoverkehr verlangte viele und breite Straßen. Bei Markt Allhau im Südburgenland und bei Nickelsdorf im Nordburgenland queren Autobahnen unser Land. Die alten Hohlwege wurden zugeschüttet, und aus den Feldwegen, wo man früher oft im Lehm mit dem Wagen stecken geblieben war, entstanden nun gut befestigte und asphaltierte Güterwege. Sie wurden vor allem für die Bewirtschaftung der Äcker und für den Verkehr mit Traktoren gebaut. Heute benützen aber weit mehr private Autos diese Wege, weil sie die kürzeste Verbindung zwischen den einzelnen Orten darstellen. Der Anteil der landwirtschaftlichen Verkehrsträger ist unter 10 % gesunken. Die augenfälligsten Veränderungen vollzogen sich jedoch im Dorf selbst. Zu Beginn der 80er Jahre hatte sich von der Jugend ausgehend der Gedanke der "Dorferneuerung" festgesetzt. Die letzten Kostbarkeiten in der bäuerlichen Bausubstanz wurden geschützt und erhalten. Strenge Auflagen in der Bauordnung verhindern die Verschandelung des Dorfes. Heute dürfen nicht gegen die Bautradition des Dorfes Gebäude errichtet werden. Die Bauten müssen sich harmonisch in das Straßenbild einfügen. So konnten im letzten Augenblick die größten Bausünden verhindert und das burgenländische Dorf in seinen Grundzügen erhalten werden. 

Die erste Phase der Dorferneuerung, die mit der Erhaltung der alten Fassaden begonnen hatte, ging über in die "geistige Dorferneuerung". Das Dorf, früher ein Platz der Armut und Rückständigkeit, wird nun zu einem Ort der Lebensqualität und des gesunden Lebens. Die grüne Landschaft, die früher von bäuerlichem Arbeitsleid geprägt war, wird zu einer Stätte der Erholung. Zunehmend begann man zu schätzen, daß man im Dorf kein Unbekannter ist, daß der Raum überschaubar ist und die Hektik der Großstadt das Dorf noch nicht erreicht hat. Das wissen vor allem jene Leute in der Stadt zu schätzen, die dann in den Dörfern ihre Zweitwohnungen und Ferienhäuser errichten. Damit verbinden sie die Wohnqualität der Stadt mit der Umweltqualität am Land. 

Bisweilen kommt es zu einem richtigen Bevölkerungsaustausch: Aus den kleinen Dörfern des mittleren und südlichen Burgenlandes ziehen Menschen nach Wien und in andere große Städte und von dort kommen Menschen in das Dorf. Manche sind schon zu reinen Wohndörfern geworden, wo es kaum noch einen Arbeitsplatz gibt, auch nicht im landwirtschaftlichen Bereich, dafür aber überwiegend Pensionisten aus den Städten und Altbauern. Der Faktor "Wohnen" und "Erholen" ist dort bedeutender geworden als der Faktor "Arbeit". Das Dorf ist ein begehrter und attraktiver Lebensraum geworden.

Fortsetzung folgt

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Burgenlaendische Gemeinschaft 7/8 1996 Nr.342