So war es damals...
14. Folge
Vor 20 Jahren - Das Burgenland holt auf


In der Mitte der 70er Jahre begann das "Sterben der weißen Dörfer". Die schönen geschlossenen Dorflandschaften des Burgenlandes hatten sich durch die Neubauten in der Dorfzeile nachhaltig verändert. Das hat sicher die Wohnqualität gehoben, aber es war zum Schaden für das schöne Dorfbild. Die wenigen, die damals dieser Entwicklung widersprachen, wurden ausgelacht. "Fortschritt" war das Zauberwort. Die Burgenländer, die aus der Armut kamen, wollten nicht nur diese Armut beseitigen, sondern auch die Erinnerung daran. Das kann man verstehen, wenn man weiß, wie schlecht die Zeiten früher waren, und wenn man weiß, welche Hoffnungen diese Menschen auf den Fortschritt legten. So wurden Dachböden entrümpelt und viel bäuerliches Kulturgut dabei zerstört. Heute suchen wieder die großgewordenen Enkel die Erinnerung an frühere Zeiten und Erinnerungsstücke von damals, die es aber kaum mehr gibt.

Dieser große Schritt nach vorne ist vor allem mit dem Namen Theodor Kery verbunden, der in jener Zeit, von 1966 -1987, also 21 Jahre lang, Landeshauptmann gewesen ist. Er hat auch nach außen das selbstbewußt gewordene Burgenland verkörpert. Da und dort erkannten weitblickende Menschen, daß der Wert der burgenländischen Landschaft und Wirtschaft in seiner eigenen Art liegt. Wir sollten uns daher bemühen, nicht immer genauso zu werden, wie es die anderen schon sind. Dabei würden wir nur verlieren, weil wir als kleines Land meist auch das schwächere sind. Vielmehr sollten wir uns bemühen, anders zu sein als die anderen und unsere Wesensart und Identität bewahren. So könnten wir uns in vielem besser behaupten. Vor allem der Tourismus lebt ja von dieser Andersartigkeit. Damals aber dachten die meisten nicht so.

So kam es dazu, daß bei der Eröffnung des Kellerviertels in Heiligenbrunn in jener Zeit widersprüchliche Aussagen von den Festrednern gemacht wurden. In diesem Kellerviertel stehen Gebäude, die mehr als 100 Jahre alt sind, strohgedeckt, lehmgesatzt oder aus Holz gebaut. Die Redner dieser Festveranstaltung lobten einerseits die Bemühungen zur Erhaltung dieser alten Bausubstanz, andererseits klagten sie über die Touristenströme, die nun einsetzen würden, fremde Leute, die mit Fotoapparaten kommen und die Armut im Burgenland fotographieren würden. Heute sind alle stolz auf dieses Kellerviertel, das auch wirtschaftlich recht einträg-
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lich ist. Der dort wachsende Wein, den man verächtlich "Uhudler" nannte und der dann nahezu ausgerottet wurde, erfreut sich heute wieder großer Zustimmung. So ist es eben. Alles was knapp und weniger wird, erhält einen höheren Preis. Man kann auch sagen, daß das Burgenland damals so weit in seiner Entwicklung zurücklag, daß noch sehr vieles nicht zerstört wurde.

Dies war ein guter Ansatz für die in den 80er Jahren beginnende "Dorferneuerung", die das Dorf wieder als lebenswerten Lebensraum entdeckte.
Ein ernstes Signal war der Ölschock im Jahre 1973. Wegen des damals tobenden Krieges im Nahen Osten waren plötzlich Erdöl und Treibstoff in Europa knapp geworden. Nun erkannten wir, wie weit unsere Abhängigkeit von den anderen bereits fortgeschritten war.

1978 hätte das bereits fertiggestellte erste Atomkraftwerk in Österreich in Betrieb gehen sollen. Eine Gegenbewegung, getragen von jungen Menschen, nahm daran Anstoß. Schließlich ließ die österreichische Bundesregierung unter Bruno Kreisky eine Volksabstimmung darüber abhalten, die ein unerwartetes Ergebnis brachte; 50,5% haben sich gegen die Inbetriebnahme des Atomkraftwerkes ausgesprochen. Jetzt steht das fertige Bauwerk, das Unsummen verschlungen hat, ungenützt da. Österreich ist damit das einzige Land weit und breit, in dem es vom Gesetz her verboten ist, Atomstrom zu erzeugen. Es ist nicht sicher, ob dies ein Zeichen großer Rückständigkeit ist, oder ob wir auf diesem Gebiet schon vorne liegen. In den Dörfern haben die Nebenerwerbsbauern bereits die Mehrheit. Die jungen Bauern suchten sich in der Nähe in anderen Berufen ihre Arbeit. Die Kinder zogen weg. Die Alten aber führten die Landwirtschaft weiter bis zu ihrer Pensionierung. Ja, auch das wurde damals eingeführt: die Bauernpension. Die Bauern sind nun nicht mehr darauf angewiesen, daß die Kinder sie an ihrem Lebensabend erhalten müssen. Die Kinder sind ja ohnehin meist nicht mehr da.

Die Zeit, in der Großeltern, Eltern und eine große Kinderschar zusammen in einem Haus lebten und arbeiteten, ist vorbei. Die Kinder ziehen weg, die Eltern arbeiten außer Haus. Nur die Großeltern halten die Landwirtschaft, und damit auch ein Stück Landschaft, aufrecht. Die Zeit der Großfamilien ist vorbei.

Fortsetzung folgt!

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Burgenlaendische Gemeinschaft 5/6 1996 Nr.341