So war es damals...
13. Folge
Die 70er Jahre - das Jahrzehnt der Gesellschaft


Die 70er Jahre begannen mit einem Paukenschlag. Am 1. März 1970 gab es Nationalratswahlen. Dabei gelang es der Sozialistischen Partei erstmals die relative Mehrheit zu erringen. Zum erstenmal in der Geschichte Österreichs wird ein Sozialist Bundeskanzler: Dr. Bruno Kreisky.

"Ja", sagte man damals "es ist schon alles gut, es sollte aber noch besser werden!". Das "moderne Burgenland" und das "moderne Österreich" galt es zu errichten. Dieses Jahrzehnt hat Österreich verändert: 1971 gewannen die Sozialisten auch die absolute Mehrheit, 1975 konnten sie noch mehr dazulegen und 1979 erreichten sie ihren absoluten Höhepunkt. Die Österreichische Volkspartei hatte es schwer mit diesem populären Kanzler. Die FPÖ war unbedeutend. Andere Parteien gab es nicht.
In vielen Bereichen begannen Gesellschaftsreformen, die stark veränderten und auch erschütterten: Die Reform des Bundesheeres, des Schulwesens, des Gesundheitswesens und die Strafrechtsreform. Letztere hatte ein umfangreiches Gesetzeswerk abgelöst, das in Österreich 164 Jahre lang gültig war. Der Staat übernahm viele Aufgaben, die früher der Sorge des Einzelnen und der Familie oblagen. Dies führte zwar zur Entlastung der Familie, aber auch zu größerer Abhängigkeit vom Staat. Der Sozialstaat war das Ziel und später der Wohlfahrtsstaat.
"Service" war eines der vielen neuen Wörter. Überall wurden Leistungen angeboten und verkauft: Bürger -, Arbeitsmarkt -, Kundenservice u.s.w. Beratungsstellen öffneten ihre Tore. Der Einzelne sollte sich nicht viel zu sorgen brauchen. Der Staat und die Gesellschaft sorgte für ihn.

Die Wirtschaft hat weiter dominiert. "Die Wirtschaft verlangt das!" heißt aber, daß sich der Mensch den Bedürfnissen der Wirtschaft unterordnen sollte, heißt auch, daß nicht die Wirtschaft für die Menschen, sondern der Mensch für die Wirtschaft da sei. Eines der wertvollsten Erziehungsgüter durch Jahrtausende drohte damals verloren zu gehen: das Sparen. Nicht das Sparen, sagte man, sondern das Wegwerfen belebte die Wirtschaft, fördere das Wachstum und bringe den Wohlstand. Viele glaubten dies. Die Alten zweifelten daran. Mit Recht.

Je mehr weggeworfen wird, umso mehr kann nachproduziert werden, umso sicherer die Wirtschaft und der Wohlstand wachsen. Daß produzierte Güter auch wieder einmal entsorgt werden müßten, daran dachte man damals nicht.
"Macher" führten das große Wort. Sie wußten alles, konnten alles und waren vor allem mächtig. Sie bestimmten, was zu denken und zu kaufen sei. Man sollte auch "rationalisieren", das heißt, kleine Einheiten in große Einheiten überführen. Das kommt billiger. So wurden "Zentren" geschaffen, die man später auch "Center" nannte: Gemeindezentrum, Pfarrzentrum, Schulzentrum usw. Das Alte, Erfahrene, Überlieferte hatte wenig Stellenwert. Die Jungen, denen die ganze Welt offen stand, lachten die Alten aus. Wichtig war, daß alles mechanisiert, motorisiert, rationalisiert, integriert und zentriert wird.

Die Wirtschaft hatte alle Bevölkerungsschichten erfaßt. Ganz entscheidend war, daß wohl zum erstenmal in der Menschheitsgeschichte die Kinder die Eltern nicht mehr brauchten. Sie kamen gleichzeitig mit der Geburtenbeihilfe zur Welt, sie bezogen Kinderbeihilfe, Studienbeihilfe, ehe sie in ihren Beruf eintraten. Dann gab es wieder Zulagen, Subventionen und andere Zuwendungen. Kinder und Jugendliche wurden eine eigene Konsumentenschichte, die Milliardenumsätze machte, vor allem im Bereich der Mode, der Unterhaltungsindustrie und des Zeitschriftenwesens. Ganze Industrien produzierten nur für diese junge Konsumentenschichte Güter, die dann meist in "Shops" verkauft wurden und werden. Vielmehr als das Radio hat das Fernsehen das Dorf verändert. Der Mord an Kennedy 1963 und die Ereignisse nachher konnten gleichzeitig auf der ganzen Welt gesehen werden, sogar im Burgenland. Die Großmutter sah damals zum erstenmal Schifahrer, Tennisspieler und die "Löwinger-Bühne" daheim vor dem Fernseher. Alte Autoritäten verloren Macht und Bedeutung: Der Dorflehrer, der Pfarrer und der Amtmann. Die Kirche geriet in eine Krise. Das Konzil von 1962-65 hat kirchliche Strukturen verändert, erneuert und auch zerstört. Nur die katholischen und evangelischen Burgenländer, die einander in der Vergangenheit oft feindlich gegenüberstanden, was oft zu Tragödien in Familien geführt hatte, kamen einander näher. Die "Bauwut" hat das Dorf überfallen. Häuser wurden abgerissen Wertvolles vernichtet und durch Billiges und Unpassendes ersetzt. Das burgenländische Dorf zählte einst zu den schönsten Hauslandschaften Europas. Jetzt begann das "Sterben der weißen Dörfer". 

Fortsetzung folgt

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Burgenlaendische Gemeinschaft 3/4 1996 Nr.340