So war es damals...
12. Folge
Die Schwabenwirtin von Hagensdorf


Wenn ein Mensch 80 Jahre lang auf der Welt ist, dann fällt sein Geburtstag in ein Jahr, das für uns als das zweite Jahr des Ersten Weltkriegs zu Geschichte geworden ist. Theresia Luisser wurde am 15. November 1915 geboren. Sie war das fünfte von neun Kindern (von denen sechs überlebten) der Bauernfamilie Trinkl in Heiligenbrunn. Vater Johann Trinkl war um die Jahrhundertwende in Amerika gewesen. In Pittsburg hatte er in den Zementfabriken gearbeitet. Aber "es hot ma nit gfolln", und so war er wieder in die Heimat zurückgekehrt. 1905 heiratete er Rosalia Traupmann. Von 1924 bis nach dem Krieg war er Bürgermeister des kleinen Dorfes Heiligenbrunn, wohl in den schwierigsten Zeiten. Er erreichte das hohe Alter von 94 Jahren, seine Frau wurde 90 Jahre alt. Beide konnten sie 1975 unter größter Anteilnahme noch das seltene Fest der Gnadenhochzeit nach 70-jähriger Ehe feiern!
Der älteste Sohn Johann wurde als das Original vom Zeinerberg - "Rübezahl" - bekannt und berühmt, vor allem mit seinem unermüdlichen Kampf um die Anerkennung des Uhudler, heute die Spezialität dieses Weinbaugebietes.
Der zweite Sohn, Stefan, durfte unter größten Opfern studieren und wurde nach langer Lehrtätigkeit in Fürstenfeld später Direktor des Gymnasiums in Güssing. Der jüngere Bruder Felix übernahm die Wirtschaft. Die beiden Schwestern Maria und Angela verheirateten sich in Heiligenbrunn und sind angesehene Leute.
Die Eltern waren sehr bemüht, ihren Kindern einen guten Lebensweg zu ermöglichen. So bekam auch Resi eine große Chance. Sie durfte in Rust die Hauswirtschaftsschule, besuchen und lernte dort die Grundbegriffe der "modernen" Haushaltsführung, vor allem in puncto Ernährung und Hygiene.
Dort lernte sie das "höhere" Kochen und Backen. Ihre Kinder später sahen auch in schlechten Zeiten immer gut aus und waren gesund, weil sie bereits die differenzierte Ernährung der einseitigen Bauernkost vorzog. Diese Kenntnis sollte ihr später auch bei der Führung des Gasthauses sehr zugute kommen. Ebenso konnte sie die hygienischen Gewohnheiten, die sie sich in der Haushaltsschule angeeignet hatte, in der Babypflege und vor allem in der Küche (Geschirrwäsche, Kochbegleitmaßnahmen) in für damalige Zeiten revolutionärer Form einsetzen.
Nach ihrer Heirat 1936 übernahm sie mit ihrem Mann, der eine Kaufmannslehre absolviert hatte, die Gemischtwarenhandlung und das kleine Gasthaus in Hagensdorf. Im Geschäft gab es alles - vom Aspirin bis zum Petroleum, vom Einziehgummi und Blaudruck bis zum Seidenunterhemd. Die Leute kauften bei Luisser meist mit "Anschreiben", bis der Betrag nach einem Kuhverkauf erlegt werden konnte oder aber mit Eiern abgegolten wurde. Auf jeden Fall mußten die Beträge bis Silvester beglichen sein. In das Neue Jahr mußte man schuldenfrei gehen. Man kann sich vorstellen, daß die Organisation eines Geschäftes in dieser Art sehr mühsam war.
Fünf Buben hat Resi Luisser geboren und großgezogen und zu tüchtigen Menschen erzogen. Sie sind heute - dem Alter nach aufgezählt - Transportunternehmer, Pfarrer, Diplomkaufmann, Wirt des Schwabenhofes, Koch. Um weiterbildende Schulen besuchen zu können, mußten die Kinder in Internaten weit weg von daheim untergebracht werden. Zeitweise mußten die Eltern drei Heimplätze bezahlen. Man muß sich das vorstellen, in der schwierigen Nachkriegszeit. Das kleine Geschäft und das Wirtshaus mußten das alles tragen.
Das Gasthaus war der erste Platz, an dem es Fernsehen gab; speziell Sendungen wie z.B. die "Löwinger" lockten das halbe Dorf in das Wirtshaus. Nach dem Tod ihres Mannes lastete nun die gesamte Verantwortung für den Betrieb und die Kinder auf den Schultern der Mutter. Die gute Küche der Schwabenwirtin war auch die Ausgangsposition für den Ausbau des Hauses. Wo gut essen ist, ist auch gut bleiben. Und immer deutlicher wurden die als Nachteile empfundenen Gegebenheiten des Dorfes - unversehrte Landschaft, Rückständigkeit (und damit Ruhe und Ausgeglichenheit), Originalität, billige und saubere Unterkunft, gute und reichliche Hausmannskost - die Anziehungspunkte für die ersten Urlauber, die "besseren Leut". Und damit ging es aufwärts. Mit dem 1974 erstellten Prospekt "Schwabenhof-Hagensdorf, wo sich die Füchse gute Nacht sagen und die Gänse den Verkehr regeln" wurde der Schwabenhof 2.Bundessieger.
Ein großzügiger Umbau mit 10 Zimmern und einer modernen Küche wurde dem Ansturm der Touristen gerecht. Diese suchten in dem verschlafenen Nest ihren Ideal-Urlaub. Und viele, viele fanden ihn (etliche feiern die 20malige Wiederkehr) im angenehmen Aufenthalt im Schwabenhof. Und alle schätzen vor allem das gute Essen, die (pannonische) Hausmannskost, die guten (gezogenen, derbigen) Strudeln mit jeder Art von Fülle (Äpfel, Topfen, Rüben, Kraut, Erdäpfel, Bohnen,...), den Sterz (vor allem in Form des Holsterzes).
Der Beruf einer Wirtin ist schwer. Von in der Früh bis in die Nacht hinein auf den Beinen, das lange Stehen am Herd und bei den Vorbereitungen. Es gab in Wahrheit nichts, was man in so einem "Job" (Kauffrau, Wirtin, Mutter) im Sitzen hätte erledigen können. Und so haben zuletzt die Beine versagt. Nach der Amputation eines Unterschenkels trägt sie ihr Schicksal mit unnachahmlicher Würde - gezwungen zum Ausruhen und Zuschauen. Sie ist und bleibt die Anlaufstation für ihre Kinder und deren Familien und vor allem für die "alten Gäste", mit denen sie erst jetzt richtig plaudern kann. Die Luisser Resi, die Schwabenwirtin, die Zeit ihres Lebens in der Heimat geblieben ist und hier ihre Sendung mit Gottvertrauen erfüllt hat.
Und man wünscht ihr in Zuneigung und Verehrung noch viele Jahre eines - jetzt beschaulichen - glücklichen Lebens.

Prof Gertraud Trinkl

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Burgenlaendische Gemeinschaft 1/2 1996 Nr.339