So war es damals...
11. Folge
Die 60er Jahre - das Jahrzehnt der Wirtschaft



Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in den letzten Jahrzehnten erfolgte so rasch, daß sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein anderer Schwerpunkt bildete. In den 60er Jahren stand alles im Zeichen der Wirtschaft.
Die Hungerjahre der Kriegs- und Nachkriegszeit waren vorbei und der Mangel am Notwendigen, wie Kleider, Einrichtung, Geräte und andere Gegenstände des täglichen Lebens nicht mehr zu spüren. Nach Abzug der russischen Besatzung begann es in unserem Land besser zu werden. Dazu kam, daß jetzt die Hilfe des Marschall-Planes aus Amerika, dessen Einsatz die Russen in ihrer Zone verboten hatten, auch im Burgenland wirksam wurde.

Überall gab es Optimismus und positives Lebensgefühl. Es konnte nur noch besser werden. Das wirtschaftliche Wachstum war überdurchschnittlich hoch, die Produktion lief auf Hochtouren, sowohl in Industrie und Gewerbe als auch in der Landwirtschaft. Zunächst galt es noch, die Eigenversorgung Österreichs zu sichern. Subventionen und andere Förderungen ermöglichten den Bauern, in den eigenen Betrieb zu investieren, die Produktion zu erhöhen und die Arbeit durch Maschinen zu erleichtern.
Im Burgenland, das ja hauptsächlich Agrarland gewesen war, begann erst jetzt die Industriealisierung, welche in anderen Teilen Österreichs schon Jahrzehnte vorher eingesetzt hatte. Da es im Burgenland weder Erdöl noch Kohle und auch keine eigene Produktion von elektrischer Energie gab, wurden hauptsächlich Textilfabriken errichtet. Dadurch konnten zwar die bäuerlichen Familieneinkommen erhöht werden, aber sie zogen meist die Frau und nicht den Mann in die Fabriken. Textilfabriken sind außerdem krisenanfällig, stark von der Kleidermode abhängig und daher nicht immer in der Lage, hohe Löhne zu zahlen.

Es gab einen großen Bedarf an Arbeitskräften in Wien. Andererseits mußte die Landwirtschaft durch das Einsetzen von Maschinen viele Arbeitskräfte freisetzen, die dann nach Wien zogen. So setzte in den 50er Jahren eine starke Landflucht ein. Die Bundeshauptstadt wurde zur größten Burgenländer-Stadt der Welt, einen Rang, den bis dahin Chicago eingenommen hatte.

Auf den Bauernhöfen gab es keine Knechte und Mägde mehr. Oft zogen auch die einzigen Erben nach Wien und die Eltern mußten den Betrieb allein weiterführen. Eine zeit-lang ging das gut, weil Traktore und Maschinen eine fühlbare Arbeitserleichterung brachten. Um die Landwirtschaft rationeller zu machen, wurden auch Grundstücke zusammengelegt. Wenig ertragreiche Feldfrüchte wurden nicht mehr produziert und starben fast aus, wie beispielsweise der Buchweizen ("Hoadn"). Traktore ließen den Bestand an Pferden dramatisch zurückgehen.

Parallel zu dieser wirtschaftlichen Entwicklung kam es auch zu einer deutlichen gesellschaftlichen Veränderung: Die ehemaligen Grünarbeiter und Knechte, die jetzt zu Hilfsarbeitern in Wien geworden waren, konnten ihre Löhne zum Großteil in den Konsum stecken, wie zum Beispiel Kleider kaufen, ein Motorrad oder ein Radio. Der Bauer, der ihnen früher übergeordnet war, konnte sich das nicht leisten, weil er das Geld in Landwirtschaft investierte. Da auch die Intelligenzschichte des Dorfes, wie Lehrer Pfarrer ihre übergeordnete Position einbüßten, kam es zur annähernden Gleichstellung der beruflichen Schichten. Bald kannte man nicht mehr auseinander, ob der Mann, der einem entgegen kam, ein Bauer, ein Lehrer oder ein Arbeiter war. Auch die Lebensgewohnheiten haben sich angeglichen.
Die alte Hierarchie hörte auf zu bestehen.
Die "Vergesellschaftung des Dorfes" hatte begonnen.
Die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der 60er Jahre haben auch in der Landwirtschaft ihre Spuren gezogen. Die Hohlwege wurden zugeschüttet und ein gut ausgebautes Netz von Güterwegen durchzog nun den Hotter. Jedes Dorf erhielt seine Wasserleitung, und die Häuser in den entlegendsten Gegenden das elektrische Licht. Die letzten Kriegsfolgen verschwanden, Provisorien aus der Nachkriegszeit, wie Brücken, Dächer usw. verschwanden ebenfalls. Viele neue Volksschulen wurden gebaut und viele Kirchen renoviert.

Als dann auch noch die Straßen asphaltiert wurden, setzte zunächst zaghaft aber dann doch recht deutlich die Motorisierung ein. Das Motorrad war der Traum eines jeden Burschen. So mancher von ihnen versuchte seinen Vater zu erpressen: "Wennst du mia net a Motorradi kafst, verloß i die Wirtschaft und geh noch Wian." Viele dieser jungen Burschen sind auch Opfer von Verkehrsunfällen geworden.
Diese Jugend war schon anders, liebte die modernen Schlager und den Heimatfilm, der in den zahlreichen Kinos, die mittlerweile entstanden waren, gezeigt wurde. Die modernen Tänze, von den Alten oft verteufelt, setzten sich doch durch: Foxtrott, Tango, Englisch-Walz. In jedem Haus gab es ein Radio.

So hat sich das kleine burgenländische Dorf der großen Welt geöffnet.

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Burgenlaendische Gemeinschaft 11/12 1998 Nr.338