So war es damals...
10. Folge
Anschluß, Krieg, Wiederaufbau, Besatzungszeit


In den letzten Nummern habe ich vor allem die Alltagswelt und das Alltagsleben unserer Großeltern und Urgroßeltern beschrieben. In den folgenden Nummern beschreibe ich die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg, also jene, die unsere Leser bereits selbst erlebt haben.

Die Zeit um 1938

Die 30er Jahre waren durch Arbeitslosigkeit und Armut geprägt. Nicht zuletzt deswegen gab es wenig Widerstand gegen den Anschluß im Jahre 1938.
In den Dörfern hat sich zunächst dadurch nicht viel geändert. An politischen Feiertagen mußten die Häuser mit Hakenkreuzfahnen geschmückt werden. Es folgte eine Friedenszeit von 1 1/2 Jahren bis September 1939, in welcher es Ansätze zum Wohlfahrtsstaat gegeben hat, wenn auch unter den Vorstellungen des Nationalsozialismus. Auffällig war, daß die Arbeitslosen sehr bald eine Beschäftigung fanden. Es wurden Straßen für militärische Zwecke gebaut, die Rüstung lief auf Hochtouren und das damalige Regime hatte vollkommene Verfügungsgewalt über die Arbeitskräfte.

Es gab auch eine stille soziale Revolution. Leute, die der Unterschichte angehörten und dann zur Partei gingen, bekamen hohe Positionen. Die Kirche und das seelsorgliche Wirken wurde eingeschränkt. Die Lehrer verloren ihr soziales Prestige. Oben war, wer der Partei angehörte und in der Partei Karriere machte.
In dieser Zeit gab es auch keine Marktwirtschaft mehr. Noch vor Kriegsbeginn wurden Lebensmittelkarten eingeführt unter dem Vorwand, daß diese einen sozialen Ausgleich schafften, weil jetzt Reiche auch nicht mehr einkaufen konnten als Arme, nämlich nur das, was es für Lebensmittelmarken gab.
Das Schlimmste war, daß Juden, Zigeuner und andere, die den neuen Machthabern nicht genehm waren, aus der Gesellschaft herausgenommen und verfolgt wurden.

Krieg und Wiederaufbau

Das Jahr 1945 brachte den Krieg in unsere Dörfer. Es kam zu Bombenabwürfen und zu starken Zerstörungen während der Kämpfe im März und April 1945. Im Sommer 1945, als die Infrastruktur total zusammengebrochen war - in der "Stunde Null" - begann allmählich der Wiederaufbau.

Die Besatzungszeit 1945-1955

Die Jahre 1945-1955 sind das Jahrzehnt des Wiederaufbaus, zugleich auch das Jahrzehnt der russischen Besatzung. Ziel der Menschen war es, den Vorkriegsstandard wieder zu erreichen. Ziel war also, daß es uns wieder so gut geht wie vor dem Krieg.

Als die Brücken wieder aufgebaut, die Straßen repariert, die Häuser renoviert wurden und das Leben langsam in Schwung geriet, kam es zunächst zur sogenannten "Freßwelle". Die Leute, die sich jahrelang nicht satt essen konnten, wollten dies endlich wieder tun. Da Lebensmittel knapp waren, waren sie auch teuer. Die Verdienste waren nicht hoch, sodaß man mehr als die Hälfte des Einkommens allein für das Essen ausgeben mußte.

Dieser "Freßwelle" folgte die "Textilwelle". Die Menschen waren nun satt und begannen mit ihren kargen Einkünften wieder das eine oder andere Kleidungsstück zu kaufen. Da auch diese knapp waren, waren die Preise auch hier hoch. Es war schon viel, man ein zweites Paar Schuhe hatte oder einen halbwegs guten Mantel. Zu Ende der 40er Jahre kam es dann zu Anschaffungen im Bereich der Kleidung. Vieles wurde auch auf Raten gekauft, das heißt, die Geschäfte gaben offen Kredit. In vielen Häusern war es so, daß am Ersten des Monats, wenn das Gehalt kam, die Raten weggezahlt wurden und dann nicht mehr viel für den kommenden Monat übrigblieb.
In den Jahren 1946 -1950 war der Höhepunkt der Paketsendungen aus Amerika. Mehr als hunderttausend Pakete sind in unser Land gekommen, die Zahl liegt aber eher wesentlich darüber. Anfang der 50er Jahre hörten auch langsam diese Paketsendungen auf.

Noch in den Jahren des Krieges entstanden die ersten Betonstraßen im Burgenland (Oberwart - Pinkafeld, Nickelsdorf - Brück, St. Gotthard - Fürstenfeld). Die Elekrifizierung der Dörfer schritt voran. Da aus militärischen Gründen die Körperertüchtigung bedeutend war, wurde der Sport auch sehr gefördert. Das Schifahren und Segeln wird bekannt, wenn auch nur wenige diese Möglichkeiten nutzen konnten. Gleich nach dem Krieg setzte der Siegeszug des Fußballs ein. In jedem größeren Dorf entstand ein Fußballverein. In Güssing und anderen Orten, wo es Möglichkeiten dazu gab, war Speedway auf Motorrädern eine bedeutende Sportart.

Wenn man die 50 Jahre seit 1945 überblickt, kann man im großen gesehen jedes Jahrzehnt unter einem besonderen Aspekt sehen. In jedem Jahrzehnt wurden auf einem bestimmten Gebiet große und nachhaltige Veränderungen vorgenommen. Am Anfang stand noch der Wiederaufbau und dann steht immer ein Bereich im Vordergrund, also: 

  • 50er Jahre - Wiederaufbau 

  • 60er Jahre - Wirtschaft 

  • 70er Jahre - Gesellschaft

  • 80er Jahre - Landschaft 

  • 90er Jahre - Nachbarschaft 

 

Dr. Walter Dujmovits 

Fortsetzung folgt

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Burgenlaendische Gemeinschaft 9/10 1995 Nr.337