So war es damals...
6. Folge
Leserbrief


Als wir diese Spalte "So war es damals" im letzten Jahr angefangen haben, haben wir nicht gewußt, wie viele Leuten wir damit Freude machen. In zahlreichen Briefen wird uns mitgeteilt, daß man diesen Artikel gerne liest. 
Auch Frau Sahloul aus London hat uns schon einige Male geschrieben. Ihr letzter Brief war so schön geschrieben, daß wir ihn ungekürzt für "So war es damals" übernehmen können:


Ich kann es kaum erwarten, bis Ihre Zeitschrift eintrifft; ich warte vor allem auf Ihre Beiträge "So war es damals". Daß Sie unsere reichhaltigen Bräuche und Traditionen so farbenreich beschreiben, stillt ähnliches Verlangen in mir, all diese Zeiten nicht zu vergessen.

So viel hat sich für unsere Generation geändert und ich finde immer weniger Menschen, die diese Zeiten kannten. Ich trauere, daß mit ihnen eine Lebensart begraben liegt, die es schwer macht unseren Kindern und unserer Jugend zu beschreiben. Und doch wollen es meine Kinder wissen, wie es damals war. Sie wachsen in einer Großstadt auf und für sie hört sich meine Kindheit fast wie ein Märchen an. Heutzutage und hierzulande ist alles käuflich und unmittelbar erreichbar. Wir leben unser Leben außer Saison. Man kann die Jahreszeiten kaufen. Weihnachten beginnt im September mit künstlichen Christbäumen in den Geschäften. Es gibt Frühlingsblumen im Herbst; Erdbeeren mitten im Winter. Und ich lange nach den Zeiten meiner Kindheit und Jugend, ohne all dieses Käufliche. Die Landschaft um uns brachte die Stimmung. Wir lebten damals noch im Einklang mit der Natur. Wir warteten mit Geduld bis die ersten Äpfel reiften. Bei uns zu Hause waren es die "Woaz-Äpfel" zur Getreidemahd im Juli. Jede Jahreszeit brachte uns Nahrung: Birnen im August, Äpfel, Zwetschken und Nüsse zum Kukuruzabschälen, das Kletzenbrot zur Weihnacht.

Ich erinnere mich an Tage, wo Gewitterstürme den Birnbaum im Nachbargarten schüttelten und am nächsten Morgen kam unser Mittagessen in einer Schürze voller Birnen, auf die wir uns wochenlang freuten. Oft scheint es mir, daß wir unsere Verbindung zu den Birnbäumen in unserem Wettlauf zum "Ersatz-Genuß" verloren haben. Dafür ist eine neue Dimension ins Bild gerückt: das Geschäft, die Verpackung - Geld ausgeben für etwas, das die Erde und Natur uns weiterhin bietet.
Erst jetzt lerne ich den Zauber dieser Jahre schätzen. Als ich jung war, war das Dorfleben zu einfach: ich wollte wissen, was da hinter den Hügeln und überm Meere lag. Nach so vielen Jahren in einem anderen Land, inmitten von Häuserreihen, inmitten anderer Sitten singt ein Lied in mir, das ich in meinen frühen Jahren unter den Birnbäumen von Wörterberg gelernt habe. Es singt von den Blüten lauer Frühlingstage, von Strohblumen heißer Juli-Tage, dem Geruch der Astern auf November-Gräbern, von klirrenden Winternächten und warmen Stuben. Es singt von harter Arbeit, von Entbehrung, rauhen Händen, reifen Kornfeldern, staubigen Hohlwegen und von all dem, was Sie in Ihren Beiträgen so lebhaft beschreiben. Und im Lied wiegt sich der Birnbaum im Sturm des Gewitters und schüttelt die Erinnerungen, die wie Sterntaler auf mein Gemüt fallen.

Mit lieben Grüßen herzlichst 
Annemarie Sahloul, London

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Burgenlaendische Gemeinschaft 1/2 1995 Nr.333